Mensch Sein

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Der Mensch, so hat es der Religionsphilosoph Martin Buber formuliert, wird letztlich nur am Du zum Ich. Ein dialogisches Prinzip, das besonders die Arbeiten von Markus Rock durchzieht. Erst im Gegenüber ver­liert das Ich seine narzisstische Struktur. Es erfährt Reibung und Widerstände.

Ralf Hanselle (im Katalog zur Ausstellung »Leib«)

Foto: B. Reich



Claudia Stein

Einführung in die Fotografie von Markus Rock

Im Mittelpunkt der fotografischen Werkes von Markus Rock steht die Frage, was es in der heutigen Gesellschaft bedeutet, Mensch zu sein. Seine frühen Serien zeigen nackte weibliche und männliche Körper wie schwebend auf schwarzen Flächen und konfrontieren uns so mit verschiedensten Zuständen individueller Körperlichkeit. Sie thematisieren aber gleichzeitig auch die universelle menschliche Sehnsucht nach Nähe und bedeutsamen Beziehungen. Der menschliche Körper, so Rocks These, ist eine Landschaft, in der die täglichen Kämpfe um menschliche Identität und Individualität – individuell und kollektiv – eingeschrieben werden.

Die ultra-realistische Ästhetik von Rocks Fotografien kann den Betrachter zutiefst beunruhigen, da in jedem Bild die Grenze zwischen der physischen Realität des Körpers und seiner visuellen Repräsentation offen, porös und undefiniert erscheint. Rocks kraftvolle Bilder berühren den Betrachter deshalb so tief, weil sie uns zwingen, uns daran zu erinnern, dass die Kämpfe und Auseinandersetzungen um das Menschsein, die wir bei ›dem Anderen‹ beobachten, immer Bestandteil unserer eigenen Identitätssuche sind.

Auch in seinem jüngsten Werk beleuchtet Rock die verschiedenen Bedeutungen des Menschseins in der heutigen globalen Welt. Was ihn hier aber nun besonders interessiert ist die Rolle der materiellen Dinge im Erleben des menschlichen Seins. Verweisen Dinge auf mehr als ihre Dinglichkeit und ihren unmittelbaren Gebrauchswert?

In seiner Suche nach den Bedeutungsdimensionen der Dinge ist Rock vom klassischen Genre der Vanitas-Stillleben inspiriert. Die eindrucksvoll realistischen und sorgsam arrangierten Bilder kamen im Goldenen Zeitalter der niederländischen und flämischen Kultur im 16. und 17. Jahrhundert in Mode und schmückten die Salons der Kaufmanns- und Bürgerschicht. Der Reichtum der Mäzene wurde hier ganz öffentlich zur Schau gestellt, und sie feierten den Menschen, seinen Erfindungsreichtum und künstlerischen Fähigkeiten, in dem sie kostbare Kunstgegenstände und seltene Kuriositäten der Natur mit alltäglichen Gebrauchsgegenständen kombinierten: Blumen, Brot, Käse, Obst und Gemüse, Bücher, Juwelen, goldene und silberne Weinkelche, wissenschaftliche Instrumente, Karten, Spiegel, venezianisches Glas, chinesisches Porzellan, Silberbesteck, indische Stoffe und türkische Teppiche…

Diese opulenten Gemälde waren damals – und sind es noch heute – ein Fest für alle Sinne. Einige der dort dargestellten Gegenstände, wie zum Bespiel die Sanduhr und besonders der menschliche Schädel, verwiesen aber auch auf eine tiefere philosophische und religiöse Botschaft. »Alles ist Eitelkeit« mahnten sie den Betrachter und erinnerten damit an die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens. Persönliche Eitelkeiten, das Streben nach Macht oder Reichtum sind bedeutungslos, warnten die Bilder. Der Kern der menschlichen Natur – ewig, unveränderlich – ist die göttliche Seele.

Der christliche Glaube speiste den komplizierten allegorischen Symbolismus der Stillebenkompositionen. Jedes dargestellte Objekt barg eine tiefere, unsichtbare Bedeutung, die der fromme Betrachter zu entschlüsseln hatte. Nur auf den ersten Blick feierte ein Vanitas-Gemälde daher weltliche Besitztümer und menschlichen Innovationsgeist. Ihre überfließende Dinglichkeit zielte im Grunde darauf ab, die Betrachter spirituell zu berühren und ihren Glauben zu festigen.

Eine einzigartige Ästhetik vermittelte diese Mehrdeutigkeit der frühneuzeitlichen Gemälde, von der sich auch Rock zu seinen sorgfältig inszenierten 12 Vanitas-Fotografien inspirieren ließ. Aber seine dunklen Kompositionen, in denen sich viele Anspielungen auf die traditionelle Vanitas-Symbolik finden lassen, verweisen nicht nur auf die Vergangenheit sondern insbesondere auf die Gegenwart. In jedem seiner Bilder findet sich zum Beispiel ein Totenschädel (er spielt bereits in den frühneuzeitlichen Vanitas Bilder eine zentrale Rolle), in einer sorgfältig komponierten Szenerie aus zeitgenössischen Konsumgütern. Oftmals enthalten diese Konfrontationen eine Prise Humor. Arrangements wie die »Unterhaltung« des menschlichen Schädels mit einer leeren und scheinbar hastig weggeworfenen Chipstüte oder die Kollektion ramponierter Plastikspielzeuge sind sogar lustig. Aber das Lachen bleibt uns im Hals stecken. Man fragt sich unwillkürlich, was es in unserer globalen Konsumgesellschaft bedeutet, Mensch zu sein.

Was sind und können wir als Menschen sein, wenn wir nichts anderes konsumieren als billige Massenware, die dann auf dem Müll landet? Was bleibt von dem Glauben unserer frühneuzeitlichen Vorfahren an die einzigartigen Fähigkeiten des Individuums, die sie in ihren Vanitas Bildern so glühend verehrten? Ist der Totenkopf eigentlich immer noch ein verständliche Mahnung an die Vergänglichkeit des Lebens in einer Gesellschaft in der die kognitiven Biowissenschaften uns versprechen, bald in der Lage zu sein, das Geheimnis des ewigen Lebens in unserem Gehirn zu entschlüsseln? Was bleibt von den gepriesenen irdischen Genüssen in den frühneuzeitlichen Vanitas Bildern, wie die einer köstlichen Mahlzeit, wenn sie in aller Eile aus einer Plastikverpackung verzehrt wird? Hat die materielle Welt für uns wirklich keine tiefere Bedeutung mehr? Verweist sie nur noch auf den unmittelbaren Gebrauchswert der Dinge? 

Rocks Vanitas-Bilder feiern die menschlichen Sinne und das Sein und doch lassen sie uns mit ihrem Verweis auf den unaufhaltsam wachsenden Konsum einer globalen Trash-Kultur gleichzeitig verunsichert zurück. Für den Betrachter bleibt die alte Frage: Wer bin ich in all dem?



Markus Rocks Fotos sind zu­gleich brutal und von großer Zärt­lich­keit, da sie Menschen an­nehmen wie sie sind. Alleine und in Be­zie­hung. Die Größe liegt nicht im Format. Er gibt uns die Mög­lich­keit, das reale Ich und den real exis­­tie­ren­den Anderen zu er­kennen.

Andreas Schäfer




Jan Großer

Markus Rock – Das Ich und das Andere

Der mensch­liche Körper ist, je nach Per­spek­tive, ein Objekt und gleich­zei­tig die Be­hausung des mensch­li­chen Subj­ekts. Seine phy­si­sche Exis­tenz stellt seine Grenze dar, hinter welcher das Sub­jekt ge­borgen oder ge­fangen ist in einer Art von exis­ten­tiel­ler Ein­sam­keit. Nie werde ich wirk­lich fühlen können, was mein Gegen­über fühlt; nie werde ich seinen Platz ein­neh­men oder ganz mit ihm ver­eint sein können. Es wird für mich immer das Andere bleiben, das Un­er­gründ­li­che. Doch ist der Kör­per auch das Mittel, mit diesem Ande­ren in Kon­takt zu treten, und diese mit unserer Geburt er­wor­bene Ein­sam­keit zu­min­dest par­tiell zu über­winden. Denn die Be­geg­nung mit dem An­deren taucht mich in eine Wolke von Sinnes­ein­drücken – seine Stimme, seine Be­rüh­rung, seine Wärme oder Geruch – welche emo­tio­na­le Spuren in mir hinter­lässt, die letzt­end­lich als Er­inne­rungen inte­griert werden. So wird das Andere Teil meiner Selbst und ich von ihm und wir durch­brechen so unser Ge­fangen­sein in uns selbst.

Doch stellt das Ein­dringen des Anderen in mich auch eine Be­dro­hung dar. Ich kann das un­er­gründ­li­che Andere weder ganz kennen noch kon­trol­lie­ren. Wird es mich ver­letzen, emo­tio­nal oder kör­per­lich, oder mich so sehr über­wäl­ti­gen, dass ich nur noch das Andere fühle und denke und nicht mehr mich selbst? In der Sehn­sucht nach Ver­ei­ni­gung mit dem Ande­ren und der Furcht vor ihm gerate ich in einen Zwies­palt.

In seinen ak­tu­el­len Ar­bei­ten be­schäf­tigt sich Markus Rock mit diesem Dilemma, dem mensch­li­chen Körper und der ihm inne­woh­nen­den Ambi­va­lenz. Rock dekli­niert hier einige der un­end­lich vielen Kon­stella­tio­nen dieses Kon­flikts. In seinen Bildern er­schei­nen die Kör­per in einem kon­text­losen Vakuum – in ihrer Nackt­heit und vor dem schwar­zen Hinter­grund – redu­ziert auf ihre reine Körper­lich­keit, als Objekte, doch in der Be­geg­nung mit dem Be­trach­ter dann auch sub­jekt­haft. Während die lie­gen­de Frau mit den ge­schlos­se­nen Augen noch als passi­ves Ob­jekt fremd und ver­schlos­sen bleibt, treten die Männer, welche direkt in die Kamera blicken oder auch gezielt von ihr weg, deutlich als han­delnde Sub­jekte in Er­schei­nung. Andere Fi­gu­ren da­g­egen blei­ben mit ihrem eige­nen Körper als Objekt oder ihrem inne­ren Er­le­ben be­schäf­tigt – der täto­wierte, vom Be­trach­ter weg schrei­ten­de Mann, die Frau, welche sich an den Haaren zieht und die Frau, welche sich zwi­schen ihre Po­backen greift, der Mann, wel­cher seinen Kopf in den Hän­den hält. Auch in dieser Be­schäfti­gung mit sich selber offen­baren sich diese Figu­ren als Sub­jekte, also als er­ken­nen­de, selbst­­r­efle­ktierte Wesen.

In den Bildern von den Paaren wird schließ­lich die Be­geg­nung mit dem Anderen als ein stän­diges Ringen mit­ei­nan­der ge­zeigt. Dabei stellt sich die Frage nach Macht – in Form des Ein­drin­gens, des Be­sitz­ergrei­fens, des Aus­übens einer Kraft auf den Anderen – sowie die Fragen nach Identi­tät – Wer bist Du? Wie funk­tio­nierst Du? Wie rea­gierst Du auf mich? Wie be­last­bar bist Du, wie be­last­bar bin ich? Dieses spielt sich ab vor dem Hinter­grund des Ko­nflik­tes zwi­schen der Sehn­sucht nach und der Furcht vor dem Anderen, zwischen Nähe und Dis­tanz, dem Grund­kon­flikt aller mensch­li­chen Be­zie­hungen.

Wenn die Figuren direkt in die Kamera schauen, so­zu­sa­gen mit dem Be­trach­ter in Blick­kon­takt treten, wird schließ­lich be­son­ders deut­lich, was allen Bildern inne­wohnt. Hier be­geg­net auch der Be­trach­ter selbst dem un­er­gründ­li­chen Anderen. Die Figuren sind fremd und nur als Bilder prä­sent, doch lösen sie in ihm Ge­fühle oder Ge­dan­ken aus – ero­ti­sche, sehn­suchts­volle, frus­trier­te, zwie­­späl­tige – und hin­ter­las­sen Erinnerungsspuren, wodurch sie die Distanz zwischen betrachtetem Objekt und be­trach­ten­dem Sub­jekt über­win­den. Der Be­trach­ter mag sich dabei stellen­weise sogar als das Andere er­leben, welches er ja auch für sein Gegen­über ist, das heißt, sowohl als er­kennen­des wie auch er­kann­tes Selbst.

Eine Lösung dieses Dilemmas kann es nicht geben, und Markus Rock prä­sen­tiert auch keine. Jeder Mensch erlebt sich in dem Zwie­spalt aus er­ken­nen­dem Geist und kör­per­li­chem Objekt, als ein Ich und als das Andere. Jede Be­geg­nung mit einem ande­ren Menschen ist das Feld, auf wel­chem dieser Kon­flikt aufs Neue insze­niert wird. Schmerz­haft, wie das oft sein mag, bleibt es doch unsere einzi­ge Hoffnung.


Hier finden sie ein Videoportrait von Frank Bertram über den Werk­komplex »Das ich und das andere«. Der Film ent­stand während der Aus­stel­lung in Berlin.

Ein PDF der Presse­er­klä­rung zur Aus­stel­lung »Das ich und das andere« – mit einer druck­­baren Fassung des Textes – kann hier in Englisch oder Deutsch herunter­geladen werden.