Das Ich und das Andere

English | Deutsch

Der Mensch, so hat es der Religionsphilosoph Martin Buber formuliert, wird letztlich nur am Du zum Ich. Ein dialogisches Prinzip, das besonders die Arbeiten von Markus Rock durchzieht. Erst im Gegenüber ver­liert das Ich seine narzisstische Struktur. Es erfährt Reibung und Widerstände.

Ralf Hanselle (im Katalog zur Ausstellung »Leib«)

Photo: B. Reich

In seiner aktuellen Arbeit setzt sich Markus Rock im Beson­deren mit der viel­schich­­ti­gen und ambi­­va­len­ten Be­deu­tung von Körper­lich­keit für das Indi­viduum und seine Be­zie­hun­gen aus­ei­nan­der. Ein Teil dieser Ar­bei­ten aus den Jahren 2014 und 2015 wurde im Novem­ber 2015 – mit über­lebens­großen Drucken – unter dem Titel »Das Ich und das Andere« im Kessel­haus der Berliner Ufer­studios gezeigt.

Hier finden sie ein Videoportrait von Frank Bertram über diesen Werk­komplex. Der Film ent­stand während der Aus­stel­lung in Berlin.

Weiter unten findet sich ein Essay des Ber­li­ner Foto­grafen Jan Großer über diese Bild­serie, ge­schrie­ben und ver­öffent­licht an­läß­lich der Aus­stellung. Ein PDF der Presse­er­klä­rung zur Aus­stel­lung – mit einer druck­­baren Fassung des Textes – kann hier in Englisch oder Deutsch herunter­geladen werden.


Markus Rocks Fotos sind zu­gleich brutal und von großer Zärt­lich­keit, da sie Menschen an­nehmen wie sie sind. Alleine und in Be­zie­hung. Die Größe liegt nicht im Format. Er gibt uns die Mög­lich­keit, das reale Ich und den real exis­­tie­ren­den Anderen zu er­kennen.

Andreas Schäfer





Jan Großer

Markus Rock – Das Ich und das Andere

Der mensch­liche Körper ist, je nach Per­spek­tive, ein Objekt und gleich­zei­tig die Be­hausung des mensch­li­chen Subj­ekts. Seine phy­si­sche Exis­tenz stellt seine Grenze dar, hinter welcher das Sub­jekt ge­borgen oder ge­fangen ist in einer Art von exis­ten­tiel­ler Ein­sam­keit. Nie werde ich wirk­lich fühlen können, was mein Gegen­über fühlt; nie werde ich seinen Platz ein­neh­men oder ganz mit ihm ver­eint sein können. Es wird für mich immer das Andere bleiben, das Un­er­gründ­li­che. Doch ist der Kör­per auch das Mittel, mit diesem Ande­ren in Kon­takt zu treten, und diese mit unserer Geburt er­wor­bene Ein­sam­keit zu­min­dest par­tiell zu über­winden. Denn die Be­geg­nung mit dem An­deren taucht mich in eine Wolke von Sinnes­ein­drücken – seine Stimme, seine Be­rüh­rung, seine Wärme oder Geruch – welche emo­tio­na­le Spuren in mir hinter­lässt, die letzt­end­lich als Er­inne­rungen inte­griert werden. So wird das Andere Teil meiner Selbst und ich von ihm und wir durch­brechen so unser Ge­fangen­sein in uns selbst.

Doch stellt das Ein­dringen des Anderen in mich auch eine Be­dro­hung dar. Ich kann das un­er­gründ­li­che Andere weder ganz kennen noch kon­trol­lie­ren. Wird es mich ver­letzen, emo­tio­nal oder kör­per­lich, oder mich so sehr über­wäl­ti­gen, dass ich nur noch das Andere fühle und denke und nicht mehr mich selbst? In der Sehn­sucht nach Ver­ei­ni­gung mit dem Ande­ren und der Furcht vor ihm gerate ich in einen Zwies­palt.

In seinen ak­tu­el­len Ar­bei­ten be­schäf­tigt sich Markus Rock mit diesem Dilemma, dem mensch­li­chen Körper und der ihm inne­woh­nen­den Ambi­va­lenz. Rock dekli­niert hier einige der un­end­lich vielen Kon­stella­tio­nen dieses Kon­flikts. In seinen Bildern er­schei­nen die Kör­per in einem kon­text­losen Vakuum – in ihrer Nackt­heit und vor dem schwar­zen Hinter­grund – redu­ziert auf ihre reine Körper­lich­keit, als Objekte, doch in der Be­geg­nung mit dem Be­trach­ter dann auch sub­jekt­haft. Während die lie­gen­de Frau mit den ge­schlos­se­nen Augen noch als passi­ves Ob­jekt fremd und ver­schlos­sen bleibt, treten die Männer, welche direkt in die Kamera blicken oder auch gezielt von ihr weg, deutlich als han­delnde Sub­jekte in Er­schei­nung. Andere Fi­gu­ren da­g­gen blei­ben mit ihrem eige­nen Körper als Objekt oder ihrem inne­ren Er­le­ben be­schäf­tigt – der täto­wierte, vom Be­trach­ter weg schrei­ten­de Mann, die Frau, welche sich an den Haaren zieht und die Frau, welche sich zwi­schen ihre Po­backen greift, der Mann, wel­cher seinen Kopf in den Hän­den hält. Auch in dieser Be­schäfti­gung mit sich selber offen­baren sich diese Figu­ren als Sub­jekte, also als er­ken­nen­de, selbst­­r­efle­ktierte Wesen.

In den Bildern von den Paaren wird schließ­lich die Be­geg­nung mit dem Anderen als ein stän­diges Ringen mit­ei­nan­der ge­zeigt. Dabei stellt sich die Frage nach Macht – in Form des Ein­drin­gens, des Be­sitz­ergrei­fens, des Aus­übens einer Kraft auf den Anderen – sowie die Fragen nach Identi­tät – Wer bist Du? Wie funk­tio­nierst Du? Wie rea­gierst Du auf mich? Wie be­last­bar bist Du, wie be­last­bar bin ich? Dieses spielt sich ab vor dem Hinter­grund des Ko­nflik­tes zwi­schen der Sehn­sucht nach und der Furcht vor dem Anderen, zwischen Nähe und Dis­tanz, dem Grund­kon­flikt aller mensch­li­chen Be­zie­hungen.

Wenn die Figuren direkt in die Kamera schauen, so­zu­sa­gen mit dem Be­trach­ter in Blick­kon­takt treten, wird schließ­lich be­son­ders deut­lich, was allen Bildern inne­wohnt. Hier be­geg­net auch der Be­trach­ter selbst dem un­er­gründ­li­chen Anderen. Die Figuren sind fremd und nur als Bilder prä­sent, doch lösen sie in ihm Ge­fühle oder Ge­dan­ken aus – ero­ti­sche, sehn­suchts­volle, frus­trier­te, zwie­­späl­tige – und hin­ter­las­sen Erinnerungsspuren, wodurch sie die Distanz zwischen betrachtetem Objekt und be­trach­ten­dem Sub­jekt über­win­den. Der Be­trach­ter mag sich dabei stellen­weise sogar als das Andere er­leben, welches er ja auch für sein Gegen­über ist, das heißt, sowohl als er­kennen­des wie auch er­kann­tes Selbst.

Eine Lösung dieses Dilemmas kann es nicht geben, und Markus Rock prä­sen­tiert auch keine. Jeder Mensch erlebt sich in dem Zwie­spalt aus er­ken­nen­dem Geist und kör­per­li­chem Objekt, als ein Ich und als das Andere. Jede Be­geg­nung mit einem ande­ren Menschen ist das Feld, auf wel­chem dieser Kon­flikt aufs Neue insze­niert wird. Schmerz­haft, wie das oft sein mag, bleibt es doch unsere einzi­ge Hoffnung.